Alb/Traumwelten II

Kalter Krieg im Weltraum? – Das utopische Kino der Ostblockstaaten

Der zweite Teil unserer Retro-Sci-Fi-Reihe legt den Schwerpunkt auf die vielfältigen Produktionen des phantastischen Films aus den Ländern des Ostblocks. Neben mehr oder weniger offen propagandistischen Werken aus den 1950er und 1960er Jahren, in denen die offizielle marxistisch-leninistische Staatsdoktrin auf entsprechend geläuterte Zukunftswelten extrapoliert wurde, fanden sich ab den 1970er Jahren zunehmend untergründig systemkritische oder die ideologischen Vorgaben subtil unterlaufende Filmarbeiten. Schließlich komplettieren ebenso erzählerisch originelle wie filmästhetisch ambitionierte Entwürfe jenseits jeglicher ideologischer Debatten den Facettenreichtum dieser zeithistorisch spezifischen Spielart der Science-Fiction.
Insbesondere die Sowjetunion und die Tschechoslowakei waren Hochburgen des utopischen Kinos. Darum wird neben einer DEFA-Produktion jeweils ein Beispiel aus diesen beiden Ländern gezeigt.
Die Filmreihe „Alb/Traumwelten“ wird vom Kino im Kasten in Kooperation der Fachschaftsräte der Philosophischen Fakultät, Physik, Maschinenbau und Informatik zusammen mit dem Lehrstuhl für Technik- und Technikwissenschaftsgeschichte (Ansprechpartnerin: Anke Woschech, M.A.) organisiert, der Eintritt ist frei. Die Filme werden jeweils durch einen Kurzvortrag eingeführt.


Filme

Mi 16.05. 20.00 Uhr

Im Staub der Sterne – 1976 – Gottfried Kolditz

„A real socialist kitsch treasure“ (Real Fantastic Film Festival 2005): Ein Raumschiff vom Planeten Cynro folgt dem intergalaktischen Hilferuf vom Planeten Tem 4. Dort angekommen behaupten dessen Bewohner, die Temer, dass alles in Ordnung und das Notsignal eine technische Fehlfunktion gewesen sei. Die Cynroer, allen voran ihre Kommandantin Akala, glauben den Temern und lassen sich zu einem rauschenden und sinnesbetäubenden Empfang einladen. Nur der auf dem Raumschiff zurückgebliebene Navigator Suko bleibt misstrauisch. Bei seinen Erkundungen trifft er schließlich auf die Turi, die versklavten Ureinwohner des Planeten, die in unterirdischen Bergwerken für die Temer schuften müssen. Die Turi bitten die Cynroer um Unterstützung in ihrem revolutionären Freiheitskampf… Klassenkampf in Lack und Leder: Die kuriose Mischung aus abenteuerlicher Unterhaltung, freizügiger Netzhemd-Optik und Politparabel kam bei der zeitgenössischen Westkritik besser an als im Osten.



Mi 20.06. 20.00 Uhr

Auf dem Kometen – 1970 – Karel Zeman

Anarchische Satire nach einer Erzählung von Jules Verne, eingefangen in der für Karel Zeman typischen Mischung aus Realfilm und Animation in nostalgisch verfremdeter Optik. Ende des 19. Jahrhunderts, irgendwo in Nordafrika: Arabische Einheimische kämpfen mit der Unterstützung der Spanier gegen die französische Kolonialmacht. Als die verfeindeten Lager nach einer Kollision mit einem Kometen ins Weltall davongetragen werden, müssen sie sich zusammenraufen – dies erst recht, als plötzlich auch noch prähistorische Urviecher auftauchen. Das Leben im Ausnahmezustand birgt ungeahnte demokratische Potenziale… Bei „Na Komete“ handelt es sich um die dritte und letzte Verne-Verfilmung des tschechischen Kultregisseurs: „Die Phantasie entzündet sich an der Form, nicht an der Illusion, und dem zeitgenössischen Zuschauer ist nur zu deutlich, wie nahe die so ästhetisch gebrochenen Probleme der Gegenwart sind.“ (Georg Seeßlen)



Mi 18.07. 20.00 Uhr

Der Himmel ruft – 1959 – Mikhail Karzhukov

Space Race zum Mars, das die frühen Erfolge der sowjetischen Raumfahrt selbst- und siegesbewusst ins Utopische extrapoliert: Sowjetische Kosmonauten und amerikanische Astronauten planen von einer gemeinsam genutzten Raumstation aus die Erkundung des Roten Planeten. Die Vertreter der USA, die ihre Mission als Wettrennen begreifen, lehnen das von SU-Seite vorgetragene Angebot zur Kooperation ab. Diese Hybris kommt sie bald teuer zu stehen, als sie durch ihren übereilten Aufbruch Havarie erleiden. Doch glücklicherweise sind die kommunistischen Weltraumfahrer nicht nachtragend… Wegen seiner für die damalige Zeit beeindruckenden Spezialeffekte und Trickaufnahmen wurde dieser propagandistische Streifen für gute Devisen ausgerechnet an den amerikanischen „Klassenfeind“ verkauft. Dort fand er in stark umgearbeiteter Form gleich für mehrere Sci-Fi-Billigproduktionen Verwendung. Der einführende Vortrag wird insbesondere auf diese für die amerikanische SF-Filmgeschichte nicht unübliche Recyclingpraxis eingehen.