Filmreihe: Alb/Traumwelten

Historische Filmreihe im WiSe 17/18

Gerade die Filme aus der „Frühgeschichte“ des europäischen Science-Fiction-Kinos zeichneten sich in ihrem Drang zu perfekten wie spektakulären Illusionen durch hohe Originalität und (technische) Innovationsfreude aus. Die meisten Stummfilm-Klassiker des Genres sind nicht umsonst hier zu verorten. Die Durchsetzung des Tonfilms zu Beginn der 1930er Jahre führte jedoch allmählich zu einer Dominanz der amerikanischen Praktiken in künstlerischen, ästhetischen und vor allem kommerziellen Bereichen. Von nun an wurde Science Fiction zu einer Domäne der Hollywood-Studios, die die weiterhin produzierten Werke aus Europa zumindest in kommerzieller Hinsicht zu Randerscheinungen werden ließen. Dabei fungierten letztere gerade zu Zeiten des Kalten Krieges als sensibler Seismograph auf wissenschaftlich-technische, politische und soziale Entwicklungen ihrer jeweiligen Gesellschaft.
Die Filmreihe „Alb/Traumwelten. Science-Fiction-Kino in Europa von 1918 bis Ende des Kalten Krieges“ begibt sich auf eine kleine Zeitreise zu diesen europäischen Ursprüngen und Traditionen des Genres. Gezeigt werden sowohl monumentale Filmklassiker, aber auch weitestgehend unbekannte, dem politischen Underground zugehörige Produktionen.
Diese Filmreihe wird vom Kino im Kasten in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Technik- und Technikwissenschaftsgeschichte (Ansprechpartnerin: Anke Woschech, M.A.) und dem Studentenrat der TU Dresden organisiert, der Eintritt ist frei. Die Filme werden jeweils durch einen Kurzvortrag eingeführt.

Den vollständigen Programmflyer gibt es unter folgenden Links: PDF  JPG


Programm

Himmelskibet (OmeU) – 1918 – Holger-Madsen

Mi 11.10. 20.00 Uhr

Der Film, der den Raumanzug „erfand“: Seekapitän Avanti Planetaros (Gunnar Tolnæs) unternimmt in einem von seinem Vater konstruierten Raumschiff, der „Excelsior“, eine Reise zum Mars. Dort trifft die Besatzung auf höherentwickelte humanoide Lebewesen, die die kriegerische Vergangenheit ihres Planeten überwunden haben und nun im pantheistischen Einklang mit der Natur leben. Die Erdlinge haben zunächst Probleme, sich mit der fundamental pazifistischen Lebensweise der Marsianer zu arrangieren; ihr Unverständnis sorgt für einige fatale Zwischenfälle. Doch durch die Liebe von Avanti zu Marya (Lilly Jacobson), der Tochter des regierenden Weisheitsfürsten, finden die beiden Spezies schließlich zueinander. Als die Besatzung den Rückflug antritt, wird sie von der Marsianerin begleitet, um die Menschheit zu ewigem Frieden zu bekehren… – Die mit allerlei hellenistischem Dekor und Jugendstilornamenten versinnbildlichte pazifistische Botschaft mag für heutige Sehgewohnheiten allzu aufdringlich inszeniert erscheinen; dass sie den kriegsmüden Zeitgeist voll traf, beweist der überwältigende zeitgenössische Erfolg dieser frühen Weltraumphantasie. Gleichzeitig zeigt der Film bereits einen gewissen Sinn für die genuin wissenschaftlich-technische Dimension einer Expedition ins All, freilich ohne dabei allzu großen Wert auf Akkuratesse zu legen.

O-Bi, O-Ba: The End of Civilization (OmeU) – 1985 – Piotr Szulkin

Mi 08.11. 20.00 Uhr

Die wenigen tausend Überlebenden eines globalen Atomkriegs haben sich in den „Dom“ gerettet, einen riesigen, heruntergekommenen Kuppelbau, dessen marode Betonwände die tödliche Strahlung der Außenwelt nicht mehr lange werden abhalten können. Einzige Hoffnung der letzten Menschen, die in den unterirdischen, düsteren Katakomben ihrer Behausung vor sich hinvegetieren, ist die „Arche“ – ein Raumschiff, das irgendwann kommen und sie in eine ferne, bessere Welt bringen soll. Doch Staatsdiener Soft (Jerzy Stuhr) weiß, dass die Arche nur eine Erfindung der Machthabenden ist, um die Bevölkerung weiterhin ruhig zu stellen. Als der Dom zusammenzubrechen droht, plant er zusammen mit seiner Geliebten, der Prostituierten Gea (Krystyna Janda), die Flucht… Das postapokalyptische Szenario des Underground-Regisseurs Piotr Szulkin wurde zum einen als Parabel auf die Erosion des kommunistischen Machtapparates gedeutet, die in Polen seit 1980 mit den Solidarność-Protesten besonders rapide voranging, zum anderen aber auch und vor allem als tief pessimistisches Endzeitdrama, in dem selbst christliche Erlösungsmythen jeglichen Sinn verloren hätten. In dem einführenden Vortrag von Dr. Morris Woschech wird diese religionsphilosophische Deutung des Films einer kritischen Revision unterzogen.
Im Anschluß wird es ein Filmgespräch mit Bogumiła Patyk-Hirschberger (Lektorin für Polnisch am Institut für Slawistik), Saskia Metan (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Polnische Landes- und Kulturstudien) und Dr. Morris Woschech geben.

F.P.1 antwortet nicht – 1932 – Karl Hartl

Mi 13.12. 20.00 Uhr

„Flieger, grüß mir die Sonne…“ Ingenieur Droste (Paul Hartmann) möchte eine künstliche Insel mitten im Atlantischen Ozean errichten, um eine größere Sicherheit für Interkontinentalflüge zu gewährleisten: Sie soll den Piloten zum Auftanken und für Reparaturen an ihren Flugzeugen zur Verfügung stehen. Pilot Ellissen (Hans Albers) bewirbt das technische Großprojekt seines besten Freundes erfolgreich bei den Eigentümern der Lennartz-Werft, die sich schließlich zum Bau einer ersten Flugplattform, der F.P.1, bereit erklären. Die gigantische schwimmende Stadt droht jedoch bereits kurz nach ihrer Einweihung durch einen Sabotageakt zu versinken. ¬– Zur Entstehungszeit dieses Films stellten Transatlantikflüge tatsächlich noch ein großes Wagnis dar; der Bau solcher Zwischenlandeplätze wurde insbesondere in den USA ernsthaft erwogen. Der einführende Vortrag wird speziell diese technikgeschichtlichen Hintergründe beleuchten.

Metropolis – 1927 – Fritz Lang

Mi 10.01. 19.30 Uhr

Mit Live-Musik-Begleitung!

Der Science-Fiction-Stummfilmklassiker wird 90 Jahre alt: In den luftigen Höhen der Zukunftsstadt Metropolis lebt die Oberschicht in Dekadenz und Überfluss, während die unterirdisch dahinvegetierenden Proletarier an riesigen Maschinen den Gewinn der Reichen erschuften müssen. Als ein Mad Scientist mithilfe seiner Kreatur, einem weiblichen Roboter, die Arbeitermassen aufhetzt, kommt es zu Maschinensturm und Klassenkampf, der jedoch durch die Vermittlung zweier Liebender, dem Arbeiterkind Maria (Brigitte Helm) und Freder (Gustav Fröhlich), dem Sohn des großindustriellen Tyrannen der Stadt, schließlich in die Versöhnung von Arbeit und Kapital mündet. – Expressionistischer Monumentalfilm mit exzellenter Bildgestaltung und atemberaubenden special effects auf der einen, verkitschter, protofaschistischer Utopie auf der anderen Seite: An Metropolis erhitzen sich immer noch regelmäßig die cineastischen Gemüter. Mit einführendem Vortrag von Prof. Dr. Lippert.



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